„Andere Frauen zu fördern, kann langfristig viel verändern“- Mentorin Birte Schmid über CyberMentor und Frauen in der (MINT-)Forschung
Interview: Katharina Zitzler
Birte Schmid arbeitet am schwedischen Karolinska Institutet. Schon seit mehr als fünf Jahren ist sie als Mentorin bei CyberMentor dabei und gibt ihre Erfahrungen als Frau in der MINT-Forschung an Mentees weiter. Im Interview berichtet sie von ihrer Tätigkeit am Institut, vom Leben und der Forschung in Schweden und von ihrer Rolle als Mentorin.
Gab es einen konkreten Moment in deinem Leben, der dich besonders motiviert hat, deinen Weg im MINT-Bereich zu beginnen?
Mein Weg in die MINT-Fächer war eher eine Entwicklung als ein gut anekdotisch zu berichtender einzelner Moment.
Das grobe Gefühl, einmal eine „harte“ Naturwissenschaft studieren zu wollen, hatte ich schon früh, zunächst vor allem aus Imagegründen. Mir gefiel die Vorstellung von mir als tougher Frau, die sich in einer als schwierig geltenden Disziplin behauptet. Rückblickend beruhte dieses Selbstbild stark auf Klischees und auf dem Narrativ, dass eine Frau in MINT etwas Ungewöhnliches sei. Heute wünsche ich mir vielmehr, dass MINT für jede Person selbstverständlich gedacht wird und dass vielfältigere und inklusivere Bilder davon existieren, wer Wissenschaft machen kann.
Mit der Zeit hat sich meine Motivation aber stark verändert: Aus einer eher extrinsisch motivierten, auf Außenwirkung bezogenen Motivation wurde zunehmend ein stärker internalisiertes Bedürfnis, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Hier schließt sich für mich auch der Kreis zu meiner heutigen Sicht auf Forschung als etwas zutiefst Demokratisches: Erkenntnisse können langfristig vielen Menschen zugutekommen. Zudem merkte ich, dass diese Hilfe für mich nicht nur auf individueller, sondern primär auf gesamtgesellschaftlicher Ebene stattfinden sollte.
Einen sehr prägenden Moment hatte ich dann tatsächlich, als ich im CyberForum auf ein vergünstigtes Schüler:innen-Abo des wissenschaftlichen Journals Nature stieß und es abonnierte. Ich weiß bis heute noch, wie ich in einer Freistunde im Foyer meines Gymnasiums saß, als ich ein Paper zur Darm-Hirn-Achse las und dachte: Genau daran möchte ich forschen.
Wie ging es dann weiter?
Danach begann die Suche nach einem Studienfach an der Schnittstelle von Medizin, Neurowissenschaften und Psychologie. Ich entschied mich zunächst für Biomedizin, begann parallel auch das Humanmedizinstudium und ließ dieses später mit dem Masterplatz am Karolinska Institut hinter mir.
Im Rückblick klingt das oft gradliniger, als es tatsächlich war: Während meines Bachelors wäre ich beinahe in die Proteinbiochemie abgebogen, habe als wissenschaftliche Hilfskraft in der Bioinformatik gearbeitet und zwischenzeitlich sogar konkret über einen Master in Digital Health nachgedacht. Gerade diese Umwege waren im Nachhinein wichtig, weil sie mir gezeigt haben, wie interdisziplinär Wissenschaft eigentlich ist – und dass der eigene Weg sich auch unterwegs noch verändern darf.
Du warst selbst Mentee und bist heute auch als Mentorin tätig. Welche Erfahrungen während deiner Zeit als Mentee waren für dich besonders wertvoll?
Während meiner Zeit als Mentee habe ich vor allem erlebt, wie stark ein Programm wie CyberMentor den eigenen Horizont erweitern kann. Ich bin mit vielen Themen in Kontakt gekommen, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass es sie gibt.
Besonders prägend war für mich der Austausch mit meinen Mentorinnen, die mit mir unter anderem experimentiert und wissenschaftliches Schreiben geübt haben. Es war wichtig für mich, Frauen kennenzulernen, mit denen ich mich identifizieren kann und die mich gleichzeitig bestärkten, meinen eigenen Weg zu gehen. Sehr wertvoll war auch der Raum für eigene Projekte und der Austausch mit anderen Mentees.
Welche Rolle hat CyberMentor in deiner persönlichen und beruflichen Entwicklung gespielt?
Insgesamt habe ich vor allem ein starkes Gefühl von Selbstwirksamkeit mitgenommen, aber auch viel Unterstützung und Offenheit. CyberMentor hat mir den Rückenwind gegeben, eigene Entscheidungen für meine berufliche Zukunft zu treffen und mich bewusst für ein MINT-Fach zu entscheiden. Besonders wichtig war dabei auch das Gefühl, Gleichgesinnte zu treffen – Menschen, mit denen man wachsen und sich ausprobieren kann, ohne sich ständig erklären zu müssen.
Du arbeitest heute am Karolinska Institutet. Woran arbeitest du dort aktuell?
Im Rahmen meiner Promotion am Karolinska Institut untersuche ich, wie genetische Varianten, die mit Autismus assoziiert sind, die Entwicklung neuronaler Verbindungen beeinflussen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Frage, wie einzelne Neurone während der Hirnentwicklung ihre spezifischen synaptischen Partner auswählen, um funktionelle Schaltkreise zu bilden.
Autismus wurde bereits mit einer Vielzahl von Genvarianten in Verbindung gebracht. Aktuell geht man davon aus, dass die Effekte dieser genetischen Vielfalt auf gemeinsame molekulare Mechanismen oder Signalwege zusammenlaufen. Ziel meiner Arbeit ist es, solche konvergierenden Prozesse zu identifizieren. Dafür nutze ich genetisch veränderte Mausmodelle einzelner Risikogene. Im Team analysieren wir neuronale Verbindungen bis auf die Ebene einzelner Zellen. Zusätzlich messen wir, welche Gene in welchen einzelnen Neuronen aktiv sind. So können wir Muster erkennen und besser verstehen, wie Genaktivität mit der Verschaltung von Nervenzellen zusammenhängt.
Unterscheidet sich die Forschung in Schweden von deinen bisherigen Erfahrungen in der deutschen Forschung? Gibt es etwas, das in Schweden besser oder anders läuft? Wie ist das Leben in Schweden im Vergleich zu Deutschland?
Das Leben, aber auch speziell das Wissenschaftssystem in Schweden unterscheidet sich in einigen Punkten deutlich von meinen bisherigen Erfahrungen in Deutschland.
Strukturell fällt mir besonders auf, dass Forschung hier trotz starkem Wettbewerb über mehrere Fördersysteme finanziert wird. Die Forschungsförderung in Schweden kombiniert sowohl staatliche als auch private Mittel. Gerade für Doktorand:innen eröffnet das viele Chancen, früh eigenständig Mittel einzuwerben und Projekte umzusetzen – etwas, das ich in dieser Breite aus Deutschland weniger kenne.
Ein weiterer Aspekt, den ich im schwedischen Wissenschaftssystem sehr spannend finde, ist das sogenannte „Professor’s Privilege“, was bedeutet, dass die Verwertungsrechte an Erfindungen nicht bei den Universitäten, sondern bei den Wissenschaftler:innen liegen. Das schafft starke Anreize für unternehmerisches Denken und erleichtert Ausgründungen.
Was das Leben insgesamt betrifft, empfinde ich Schweden im Vergleich zu Deutschland als ruhiger und stärker von Rücksichtnahme geprägt. Gleichzeitig wirkt die Gesellschaft auf mich etwas distanzierter. Prägende gesellschaftliche Konzepte wie das Streben nach einem ausgewogenen Mittelmaß („lagom“) und dem Gesetz von Jante, das betont, dass sich niemand über andere stellen sollte, prägen das soziale Miteinander. Das führt zu einer hohen Toleranz und einem starken Respekt für Privatsphäre, kann aber auch bedeuten, dass Individualität weniger sichtbar ist und Konflikte eher vermieden werden.
Privat schätze ich besonders die selbstverständliche Nähe zur Natur und das Konzept des „friluftsliv“, also die Idee, dass Zeit in der Natur ein wichtiger Bestandteil des alltäglichen Wohlbefindens ist. Auch die berühmte Fika-Kultur, klassischerweise mit schwarzem Kaffee und Zimtschnecke, trägt dazu bei, soziale Pausen fest im Alltag zu verankern.
Welche Herausforderungen hast du als Frau in der (MINT-)Forschung erlebt und wo gibt es deiner Meinung nach positive Entwicklungen?
Mein Fach, die medizinische Wissenschaft, ist insgesamt weiblich geprägt, insbesondere im Studium. Dennoch ist auffällig, dass auf Ebene von Professuren und Führungspositionen deutlich weniger Frauen vertreten sind. Dieser sogenannte „Leaky Pipeline“-Effekt beschreibt, wie institutionelle Barrieren und Lebensereignisse, insbesondere Elternschaft, dazu führen, dass Frauen entlang akademischer Karrieren häufiger aus der Wissenschaft ausscheiden.
Ein weiterer Aspekt ist meiner Meinung nach die unsichtbare Arbeit in der Wissenschaft – wie etwa Koordinations- und Kommunikationaufgaben – die häufig von Frauen übernommen wird. Diese Tätigkeiten werden in der Leistungsbewertung und der weiteren Karriere kaum berücksichtigt und gehen zugleich zulasten der Zeit für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit.
Eine Herausforderung für Frauen in der Wissenschaft sehe ich auch darin, wie Leistung sichtbar gemacht und bewertet wird. Aus meinen eigenen Beobachtungen in Rekrutierungs- und Interviewprozessen gibt es hier geschlechtsspezifische Unterschiede in der Selbstpräsentation und in der Wahrnehmung von Kompetenz, die durch soziale Erwartungen und Zuschreibungen geprägt sind.
Positiv ist, dass diese Themen inzwischen deutlich stärker diskutiert werden, sowohl wissenschaftlich, politisch als auch popkulturell. Auch in der Forschung selbst zeichnet sich zunehmend ein Perspektivwechsel ab: Gender Equality und Diversität werden nicht mehr primär als individuelle Herausforderung betrachtet, sondern verstärkt als strukturelle Frage untersucht.
Gleichzeitig wird deutlich, und das erlebe ich auch in meinem persönlichen Umfeld, dass diese strukturellen Hürden nicht nur Frauen betreffen, sondern auch andere Gruppen im Wissenschaftssystem, etwa LGBTQ+ Wissenschaftler:innen, die häufiger Diskriminierungs- und Unsichtbarkeitserfahrungen berichten, sowie Personen mit chronischen Erkrankungen, die im hochkompetitiven akademischen System oft mit zusätzlichen Anforderungen an Flexibilität, Belastbarkeit und Arbeitszeiten konfrontiert sind.
Ich bin überzeugt, dass Diversität in der Wissenschaft nicht nur eine Fairnessfrage ist, sondern eine echte epistemische Ressource. Eine vielfältige Community erweitert Perspektiven, schärft die kritische Reflexion und führt zu robusteren Erkenntnissen.
Das Karolinska Institutet ist eine sehr renommierte Einrichtung. Wie nimmst du das Thema Leistungsdruck in deiner Branche wahr? Was würdest du jungen Frauen auf ihrem Weg mitgeben?
Als Doktorandin nehme ich die Atmosphäre am Karolinska Institut als ambitioniert, innovativ und mutig wahr. Das ist sehr inspirierend, aber auch fordernd. Für mich persönlich entsteht Leistungsdruck oft aus meinen eigenen Ansprüchen. Gleichzeitig ist die Referenzgruppe hier stark, was Vergleiche fast unvermeidlich macht und den Druck zusätzlich erhöhen kann.
Gleichzeitig ist die hohe Reputation des Karolinska Instituts, auf die du in deiner Frage anspielst, selbst eng mit den leistungsbasierten Strukturen des Wissenschaftssystems verknüpft, in denen Publikationsleistung und Sichtbarkeit zentrale Währungen sind – und sie wird durch diese Logik zugleich immer wieder reproduziert. Diese Dynamik ist Teil eines globalen Wissenschaftssystems, in dem sich Wettbewerb um Ressourcen und Anerkennung zunehmend verschärft.
Was ich uns jungen Frauen mitgeben würde und mir selbst auch immer wieder bewusst mache: Es ist wichtig, diese strukturellen Erwartungen zu kennen, aber uns nicht ausschließlich daran zu messen. Exzellenz zeigt sich auch in Kreativität, kritischem Denken, interdisziplinärer, zielorientierter Zusammenarbeit und sozialer Verantwortung.
Gleichzeitig halte ich es für entscheidend, dass wir uns gegenseitig unterstützen, anstatt uns als Konkurrentinnen zu sehen. Sichtbarkeit spielt dabei eine große Rolle: Andere Frauen zu fördern, sie zu ermutigen, Chancen weiterzugeben oder sie für Preise zu nominieren, kann langfristig viel verändern und dazu beitragen, dass mehr Frauen in gestaltenden Positionen tätig sind.
Wie gestaltest du deine Rolle als Mentorin? Gibt es Aspekte, die dir in deiner Zusammenarbeit mit deiner Mentee besonders wichtig sind?
Für mich bedeutet Mentoring vor allem, meine Mentee dabei zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden und selbstbestimmt zu gestalten. Deshalb sehe ich meine Rolle eher als die einer Katalysatorin: Ich kann Prozesse anstoßen, Orientierung und Unterstützung anbieten oder Türen öffnen, aber die eigentliche Entwicklung muss aus der Mentee selbst heraus entstehen.
Dazu gehört für mich auch, nicht jede fachliche oder zukunftsbezogene Unsicherheit sofort auflösen zu wollen, sondern gemeinsam auszuhalten, dass man manchmal noch keine klare Antwort oder Richtung hat. Gerade in der Wissenschaft gehört Nichtwissen grundlegend dazu. Ich glaube, zu lernen, diese Unsicherheit auszuhalten und produktiv mit ihr umzugehen, ist eine wichtige Fähigkeit, die weit über die Wissenschaft hinaus relevant ist.
Mit der Mentoringbeziehung geht für mich auch der Anspruch einher, einen Austausch auf Augenhöhe zu führen. Gleichzeitig sehe ich mich in der Verantwortung, immer wieder deutlich zu machen, dass ich nur ein Beispiel von vielen möglichen Lebens- und Karrierewegen bin. Umso wichtiger ist es mir, meiner Mentee bei Wunsch weitere Ansprechpartner:innen zu vermitteln und ihr die Werkzeuge mitzugeben, sich langfristig ein diverses Netzwerk aufzubauen.
Was möchtest du deinen Mentees neben fachlichem Wissen unbedingt mitgeben?
Ich möchte ihnen vor allem Mut zusprechen, Dinge neu zu denken, Eigeninitiative zu ergreifen und auch Umwege zuzulassen. Ich glaube nicht, dass Umwege Zeitverlust sind. Jede Erfahrung kann später auf unerwartete Weise relevant oder bereichernd werden.
Außerdem möchte ich vermitteln, dass man sich nicht auf eine einzige Facette der eigenen Persönlichkeit reduzieren muss. Kurz vor meinem Abitur hatte ich einmal ein Gespräch mit einer meiner damaligen Mentorinnen, in dem ich äußerte, dass ich mich nicht „für Naturwissenschaften und damit gegen Kreativität oder gesellschaftliche Themen“ entscheiden möchte. Ihre Antwort war sinngemäß, dass genau diese Kombination aus unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten mich in den Naturwissenschaften einzigartig machen kann. Daran denke ich bis heute oft zurück.
Deshalb sehe ich MINT-Fächer auch nicht als streng voneinander getrennte Disziplinen. Die spannendsten Entwicklungen entstehen oft an Schnittstellen und durch die Integration verschiedener wissenschaftlicher Perspektiven. Deshalb finde ich es wichtig, offen dafür zu bleiben, dass sich Interessen und Richtungen im Laufe des Weges verändern können.
Für mich ist Wissenschaft nicht nur ein Beruf, sondern auch eine bestimmte Art, auf das Leben und die Welt zu schauen.
Ist dir noch etwas wichtig?
Abschließend möchte ich sagen – und mir ist bewusst, dass ich das aus einer privilegierten Position heraus tue, unter anderem mit Erfahrung am Karolinska Institut – dass man für eine gute Forschungsausbildung keinen renommierten Institutsnamen braucht. Gerade an kleineren, stärker lehrorientierten und familiären Institutionen hat Lehre oft einen größeren Stellenwert als an sehr forschungsgetriebenen Universitäten. Gleichzeitig gibt es viele Wege in wissenschaftsnahe oder MINT-bezogene Bereiche, etwa über Ausbildungsberufe oder alternative Bildungswege. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen ermutigt werden, solche Wege als gleichwertig und sinnvoll zu sehen und ihnen mit Selbstvertrauen zu folgen.
Danke Birte für deine Zeit, die Einblicke und das Teilen deiner Erfahrungen!
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