Forschung
Die Forschung von CyberMentor verfolgt verschiedene Ziele. Neben der kurz-, mittel- und langfristigen Wirksamkeit des Programms werden Gelingensbedingungen und Hemmnisse für die erfolgreiche Umsetzung untersucht. Die Ergebnisse der Begleitforschung fließen kontinuierlich in die Optimierung des Programms ein und werden über wissenschaftliche Publikationen Akteur:innen aus Wissenschaft und Praxis zur Verfügung gestellt.
Forschungsdesign
Häufig wird die Wirksamkeit von Mentoring-Programmen anhand der Zufriedenheit der Teilnehmerinnen gemessen. Allerdings geben Zufriedenheitsaussagen keine Auskunft über die tatsächliche Wirksamkeit.
Um zuverlässige Aussagen über die Wirksamkeit eines Programms zu treffen, sind Veränderungsmessungen erforderlich. Bei CyberMentor überprüfen wir deshalb, wie sich bestimmte Merkmale der Teilnehmerinnen durch die Teilnahme am Programm verändern. Hierzu werden verschiedene Aspekte, die für die spätere Studien- und Berufswahl im MINT-Bereich relevant sind, wie etwa das MINT-Interesse, das Vertrauen in die eigenen MINT-Fähigkeiten, die MINT-Wahlintention, Aktivitäten im MINT-Bereich sowie MINT-Kompetenzen, längsschnittlich über mehrere Messzeitpunkte hinweg untersucht. Die Datenerhebung erfolgt mithilfe validierter Skalen, die in Online-Fragebögen zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Programmjahres von den Teilnehmerinnen ausgefüllt werden.
Allerdings reichen auch positive Veränderungen nicht aus, um zuverlässige Aussagen über die Programmwirksamkeit zu treffen. Der Grund hierfür ist, dass sich Teilnehmerinnen an Programmen wie CyberMentor für gewöhnlich (z.B. hinsichtlich ihres MINT-Interesses) deutlich von der durchschnittlichen Schülerpopulation unterscheiden (Stoeger et al., 2016). Um sicherzustellen, dass positive Entwicklungen der Schülerinnen tatsächlich auf die Teilnahme am Programm zurückzuführen sind und nicht auf das bereits vorhandene hohe Ausgangsinteresse oder auf ohnehin positivere Förderumwelten, benötigt man geeignete Kontrollgruppen, die zu festgelegten Zeitpunkten identische Fragebögen beantworten. Besonders aussagekräftig ist ein Vergleich mit einer Wartekontrollgruppe von Schülerinnen, die sich für das Programm angemeldet haben, jedoch aufgrund eines Losverfahrens erst ein Jahr später am Programm teilnehmen dürfen.
Die Forschung zu CyberMentor berücksichtigt diese besonders strikten Qualitätskriterien bei der Wirkungsmessung und bezieht unterschiedliche Datenquellen und Analysemethoden mit ein. Das Forschungsdesign umfasst:
(1) die Verwendung standardisierter und validierter Messinstrumente
(2) längsschnittliche Erhebungen zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Programmjahres
(3) randomisierte Wartekontrollgruppen als Vergleichsgruppen
(4) die Erhebung von Prozessdaten (z.B. Logfiles, Textdaten) und Durchführung strukturierter Interviews sowie
(5) die Kombination verschiedener Auswertungsverfahren (z.B. Netzwerkanalysen, statistische Gewichtungen und Wachstumskurven).
Beispiel für ein Untersuchungsdesign
Ergebnisse zur kurz- und mittelfristigen Wirksamkeit von CyberMentor
Im Vergleich zu ähnlich MINT-interessierten Schülerinnen zeigen die CyberMentor-Teilnehmerinnen positive Entwicklungen hinsichtlich (Stoeger et al., 2013; Stoeger et al., 2016; Stoeger et al., 2026):
- der MINT-Aktivitäten,
- dem Vertrauen in die eigenen MINT-Kompetenzen,
- den MINT-Noten,
- der Sicherheit bei der Berufswahl sowie
- der Intention, ein MINT-Fach zu studieren oder einen MINT-Beruf zu ergreifen.
Ergebnisse zur langfristigen Wirksamkeit von CyberMentor
Um die Nachhaltigkeit der Programmeffekte sicherzustellen, wurden Follow-up-Erhebungen mit ehemaligen Mentees mehrere Jahre nach ihrer Programmteilnahme durchgeführt. Erfasst wurde, welcher Anteil der ehemaligen Teilnehmerinnen sich tatsächlich für ein MINT-Studium oder einen MINT-Beruf entschieden hatte – im Vergleich zur Alterskohorte und zu ähnlich interessierten Schülerinnen der Wartekontrollgruppe, die später nicht am Programm teilgenommen hatten. Dabei zeigen sich folgende Ergebnisse (Stoeger et al., 2023):
Gelingensbedingungen für den Programmerfolg und Programmoptimierung
Teilnehmerinnen von CyberMentor zeigen im Mittel positive Entwicklungsverläufe im Vergleich zu ähnlich interessierten Schülerinnen. Gleichzeitig gibt es Unterschiede in den Entwicklungsverläufen einzelner Teilnehmerinnen. Ein weiteres Ziel der Begleitforschung ist es, diese Unterschiede zu erklären und Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche Programmteilnahme zu ermitteln. Zu diesem Zweck werden neben der Erfassung relevanter Merkmale im Rahmen der längsschnittlichen Befragungen auch Prozessdaten (z.B. Logfiles, Textdaten) anonymisiert ausgewertet, um relevante Faktoren im Nutzungsverhalten untersuchen zu können.
Unsere Forschung zeigt, dass folgende Aspekte die Entwicklung der Teilnehmerinnen positiv beeinflussen (Stoeger et al., 2016; Stoeger et al., 2017; Stoeger et al., 2019; Stoeger et al., 2021):
- das Ausmaß der MINT-Kommunikation auf der CyberMentor-Plattform
- das Netzwerkverhalten auf der CyberMentor-Plattform
- die Qualität der Beziehung zur Mentorin
Die Ergebnisse werden wiederum dazu genutzt, dass Programm fortlaufend entsprechend der identifizierten Gelingensbedingungen zu optimieren. So wurden vier MINT-Phasen zur Strukturierung des Mentorings eingeführt, um die MINT-Kommunikation und das Netzwerkverhalten anzuregen. Außerdem wurde das 1:1-Mentoring in ein Hybridformat erweitert, in dem jeweils zwei Mentoring-Paare auf der Mentoring-Plattform zusammengeführt werden und in einer Community zusammenarbeiten. Der Erfolg dieser Maßnahmen wurde wiederum wissenschaftlich überprüft. Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmerinnen im Hybrid-Format mehr über MINT kommunizieren, mehr Mentorinnen-Kontakte haben und über ein größeres MINT-Netzwerk verfügen (Stoeger et al., 2020).
Forschung zu CyberMentor Plus
Eine Weiterentwicklung stellt auch das Programm CyberMentor Plus dar, bei dem das schulische Umfeld in die Förderung einbezogen wird. Begleitend zum Online-Mentoring nehmen die Schülerinnen an wöchentlichen MINT-AGs unter der Leitung einer MINT-Fachlehrkraft teil. Zur gewinnbringenden Verknüpfung von Mentoring und MINT-AG trägt ein regelmäßiger Austausch zwischen Mentorinnen und MINT-Lehrkraft bei.
Im Vergleich zu Schülerinnen, die nicht am Programm teilnehmen, aber anhand einer statistischen Gewichtung vergleichbar zu Programmteilnehmerinnen sind, zeigen die Mentees bei CyberMentor Plus bessere Entwicklungsverläufe in Bezug auf (Stoeger et al., 2026):
- ihre MINT-Aktivitäten,
- ihre Absicht, ein MINT-Fach zu studieren oder einen MINT-Beruf zu ergreifen,
- ihre Noten in MINT-Fächern und
- ihr Vertrauen in die MINT-Fähigkeiten.
Besonders positive Effekte zeigen sich, wenn der Transfer von Inhalten zwischen MINT-AG und Online-Mentoring stark ausgeprägt ist, Teilnehmerinnen eine hohe Wertschätzung von MINT durch die anderen Schülerinnen in der AG wahrnehmen und sie das Programm positiv bewerten. Darüber hinaus zeigt sich, dass das kombinierte Programm eine noch breitere Zielgruppe erreicht als das Online-Programm. Dadurch können auch Mädchen für MINT begeistert werden, die bislang noch wenige Berührungspunkte damit hatten.
Stoeger, H., Duan, X., Schirner, S., Greindl, T., & Ziegler, A. (2013). The effectiveness of a one-year online mentoring program for girls in STEM. Computers & Education, 69, 408–418.
https://doi.org/10.1016/j.compedu.2013.07.032
Stoeger, H., Schirner, S., Laemmle, L., Obergriesser, S., Heilemann, M., & Ziegler, A. (2016). A contextual perspective on talented female participants and their development in extracurricular STEM programs. Annals of the New York Academy of Sciences, 1377(1), 53–66.
https://doi.org/10.1111/nyas.13116
Stoeger, H., Hopp, M., & Ziegler, A. (2017). Online mentoring as an extracurricular measure to encourage talented girls in STEM (science, technology, engineering, and mathematics): An empirical study of one-on-one versus group mentoring. Gifted Child Quarterly, 61(3), 239-249.
https://doi.org/10.1177/0016986217702215
Stoeger, H., Debatin, T., Heilemann, M., & Ziegler, A. (2019). Online Mentoring for Talented Girls in STEM: The Role of Relationship Quality and Changes in Learning Environments in Explaining Mentoring Success. New Directions for Child and Adolescent Development, 2019(168), 75–99.
https://doi.org/10.1002/cad.20320
Hopp, M. D. S., Stoeger, H., & Ziegler, A. (2020). The Supporting Role of Mentees’ Peers in Online Mentoring: A Longitudinal Social Network Analysis of Peer Influence. Frontiers in Psychology, 11.
https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.01929
Stoeger, H., Heilemann, M., Debatin, T., Hopp, M. D. S., Schirner, S., & Ziegler, A. (2021). Nine years of online mentoring for secondary school girls in STEM: an empirical comparison of three mentoring formats. Annals of the New York Academy of Sciences, 1483(1), 153–173.
https://doi.org/10.1111/nyas.14476
Stoeger, H., Debatin, T., Heilemann, M., Schirner, S., & Ziegler, A. (2023). Online mentoring for girls in secondary education to increase participation rates of women in STEM: A long‐term follow‐up study on later university major and career choices. Annals of the New York Academy of Sciences, 1523(1), 62–73.
https://doi.org/10.1111/nyas.14989
Uebler, C., Emmerdinger, K. J., Ziegler, A., & Stoeger, H. (2023). Dropping out of an online mentoring program for girls in STEM: A longitudinal study on the dynamically changing risk for premature match closure. Journal of Community Psychology, 51(8), 3121–3151.
https://doi.org/10.1002/jcop.23039
Bayer, S., Stoeger, H., Ziegler, A. (2025). Mentor’s resources and premature match closure in challenging contexts: testing a model of mediating processes in an online and a school-based mentoring program. Frontiers in Psychology, 16.
https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1559060
Stoeger, H., Uebler, C., Bayer, S., Emmerdinger, K. J., & Ziegler, A. (2026). Linking out-of-school online mentoring and in-school STEM clubs to support girls in STEM: a pretest-posttest control group study. International Journal of STEM Education, 13, 8. https://doi.org/10.1186/s40594-026-00600-7